Neues Deutschland 20.06.1986

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Dean Reed zum Gedenken

Wo für Frieden gekämpft wurde, war er zu Hause

Von Hans-Dieter Bräuer

Es ist jetzt vierzehn Jahre her, dass ich auf der Leinwand eines kleinen Kinos in Zyperns Hauptstadt Nikosia einen jungen Mann sah, der mir besonders auffiel: Nadelstreifenanzug, dunkle Brille, schwarzweiße Schuhe, in schwarz behandschuhter Hand eine MPi. Den kenne ich doch, dachte ich. Aber erst nach Schluss der Vorstellung, als ich das knallbunte Plakat an der Kinofassade studierte, kam ich darauf: Der Mann war Dean Reed - in einem amerikanischen Kriminalfilm.

Dieser Name war mir schon ein Begriff. Denn es geschah damals noch nicht so häufig, wie es heute geschieht, dass ein im kapitalistischen Unterhaltungsgeschäft groß gewordener Schauspieler und Rocksänger seine Stimme für Fortschritt und Frieden erhebt. Und das eben hatte Dean Reed schon in jenen Jahren mit großer Konsequenz getan.

Der 1938 in Denver im USA-Bundesstaat Colorado geborene Lehrerssohn war Anfang der sechziger Jahre auf dem besten Wege, ein erfolgreicher Hollywoodstar zu werden, als er sich mit den Unterdrückten solidarisierte. In vielen Ländern Lateinamerikas ein enthusiastisch gefeiertes Sängeridol, wandte er sich gegen die verbrecherische Vietnampolitik seiner Regierung, trat in Chile für die Unidad Popular ein, arbeitete bald aktiv in der Weltfriedensbewegung. 1972 kam er in unsere Republik. Nach bösen Erfahrungen, die er seines politischen Engagements wegen in nicht wenigen Ländern hatte machen müssen, fand er hier ein Zuhause, Freunde, Kampfgefährten und rasch auch ein begeistertes Publikum. Unvergessen bleiben jedem, der dabei war, vor allem Dean Reeds bewegende Auftritte zu den X. Weltfestspielen 1973 in Berlin.

In den Jahren, die Dean Reed in der DDR gelebt hat, ist der Mann aus Colorado, wie er oft genannt worden ist, zu einem vielseitigen Künstler gereift. Und immer fühlte er sich der weltumspannenden Idee des Sozialismus verpflichtet. Seine tiefe Menschlichkeit, sein Gerechtigkeitsgefühl und seine außerordentlich große Sensibilität haben ihn an unsere Seite geführt. Seinen vielleicht schönsten und ergreifendsten Ausdruck hat das in dem Film gefunden, der dem von der Militärjunta ermordeten chilenischen Volkssänger Victor Jara gewidmet war: "El Cantor". Dean Reed schrieb das Szenarium, führte Regie und hat die Hauptrolle gespielt.

Dean wurde rasch heimisch bei uns. "Ich war neugierig auf den sozialistischen Alltag", hat er geschrieben. "Und abgesehen davon, dass mich natürlich oft Sehnsucht nach meinem Heimatland befällt, bin ich froh, dass ich in der sozialistischen DDR ein Zuhause gefunden habe."

Ich meine: Dean Reed war überall zu Hause, wo sich Menschen für Frieden und gesellschaftlichen Fortschritt einsetzen, ob in seiner Heimat, ob in Chile, ob in Nikaragua, in Palästina oder in den Ländern des Sozialismus. Er war ein Patriot und ein Internationalist; er verkörperte das andere Amerika.

Gisela Steineckert: Kein Abschied

Als ich ihn kennenlernte, spielte er bei der DEFA einen Taugenichts, aber er war keiner. Wie war er, wer war er? Strahlend, sehr jung damals, kampferfahren, schön. Ging das zusammen? Über die Jahre hin lernte ich in der politischen und viel später auch in künstlerischer Zusammenarbeit einen Mann kennen von großer Direktheit und Geradlinigkeit. Er frage siebenmal, wo ich nach einem Mal nicht mehr gefragt hätte, aber bei ihm gedieh zur Tugend, was bei anderen vielleicht weniger sympathisch wirkt. Er war ein überragend ehrlicher Kämpfer, der die größte Herausforderung annahm, sich loszusagen von der Herkunft und sich anzusagen und dazubleiben, wo es um die elementaren Rechte der Menschen geht.

Ich mochte den Menschen Dean Reed, er hatte seine Art, für unsere Sache einzustehen. Er hat das gut gemacht. Mitten in der Arbeit ist er fort und kommt nicht wieder. Es ist, als sollte man die Haustür offenlassen, weil sich ein Familienmitglied verspätet.

Ich trauere, und das ist angebracht.

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Letzte Änderung: 2007-12-07